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Published in PAGE 02/09:

„Iran????!!?!?!?!?! Bist Du wahnsinnig?“
Diese Frage kann ich mir vor meiner Abreise beinahe täglich anhören. Unverständnis, Mißtrauen, Angst. Doch wie sieht es wirklich dort aus, wo keiner hin will? Nach ein paar Jahren als Designer in Deutschland fällt der Entschluss: Raus in die Welt, Horizont erweitern. Jetzt oder nie. Aber wohin?
Nach langem Hin und Her komme ich auf die Einladung einer guten alten Designer-Freundin zurück. Ich sei immer herzlich willkommen ... dämmert es in mir. Warum eigentlich nicht, denke ich jetzt?
Außer dem, was die Medien mir täglich servieren, weiss ich nichts über Land, Kultur und Leute. Zeit mir selber ein Urteil zu bilden. Ein paar Anrufe, eine Fahrt zur Botschaft nach Frankfurt und schon bin ich in Teheran.

Da ich schon in Deutschland als Freelancer vom eigenen Schreibtisch arbeitete, bin ich örtlich nicht unbedingt gebunden. So kann ich auch weiter lokale Arbeitssuch-Zeit mit Projekten aus der Heimat überbrücken. Durch meine iranische Freundin bekomme ich jedoch zum Glück schnell Anschluss ans iranische Kreativgeschehen.

Die islamische Republik Iran: Politisch einzigartig und auch das Landeslogo selbst ist für iranische Verhältnisse einzigartig in seiner Einfachheit, denn iranisches Grafik-Design liebt meist das Muster und die Verspieltheit, wie ich schnell bemerke.

Unglaublich herzlich und gastfreundlich in meinem neuen Zuhause aufgenommen, gehe ich durch die Straßen der 20-Millionen-Stadt Teheran und sehe Lichter. Nein, kein LSD im Chai, sondern Neonleuchtreklame auf der Straße. Bei uns nur für bestimmte Etablissements üblich, dominieren hier überall die Farben Neonblau, -rot und -grün die Szene. Alles leuchtet und blitzt im fast-selben-Font und in genormten Größen. Dennoch wirkt es dank fehlender Wasserwagen alles andere als genormt. Überall arabische Schrift. Die ungewohnte Optik des anderen Schriftsystems wirkt inspirierend. In dieser Straße sehe ich keine Poster, keine Litfaßsäulen, keine Citylights und keine Billboards. Die wenigen Werbeflächen die mir zu Gesicht kommen sind mit religiösen Regierungsmotiven bemalt. Sie zeigen Märtyrer, Imame, weiße Tauben und stilisierte Regenbögen.

Eine Straße weiter sehe ich ein erstes Billboard. Wow: Der neue Nissan. Die Copy sagt: der neue Nissan. Das Bild zeigt den neuen Nissan. Hm. Hab ich was übersehen. Nein, es gibt ihn noch: den guten alten „Neger vor Hütte“. Unerwarteterweise soll er mir noch oft in der islamischen Republik über den Weg laufen.

Nach einigen Tagen in der Stadt stelle ich fest, dass Werbung für Faltencreme mit Pfirsichen und für „Always“ mit Rosen anstatt mit Frauen gemacht wird. Hier machen Grenzen kreativ. Es gibt doch mehr Werbung als anfangs gedacht – bis auf wenige positive Ausnahmen, wie z.B. für die Charity Organisation MAHAK jedoch meist leider ideenlos und produktorientiert.

Ich frage mich, wo ich Poster von Konzerten etc. finden kann. Auf einer Party der recht jungen Kreativszene lädt mich ein neuer Freund zu einer Grafik-Design-Ausstellung ein. In Deutschland nur bei berühmten Designern der Fall, erfahre ich, dass hier Ausstellungen auch für Normalsterbliche üblich sind.

Einige Tage später mache ich mich also auf zur Ausstellung. Auf dem Weg sehe ich ein surreales ROSHD-Rice Plakat an einer Brücke hängen, das mit Fotos von Babies, Elefanten, Reis, Papageien und Eiern für Basmatireis wirbt. Alle Motive sind auf eine Größe skaliert, Copy gibt es nicht. Photoshop kann man eben an jeder Ecke für 5 Dollar kaufen.

Nach 1,5 Stunden in einem 35 Jahre alten IranKhodro Taxi – nur 3 Blocks weiter – endlich angekommen, freuen sich meine Augen. Die Plakate, die ich sehe, glänzen voller Gespür für Typografie, Form und Farbe. Der mir unbekannte Designer zeigt Posterarbeiten zu einzelnen Wörtern, die sich alter kalligraphischer Stile bedienen. Er mischt diese uralte persische Kunstform mit modernen Reproduktionstechniken und setzt das Ergebnis gekonnt in ein minimalistisches Umfeld. Es erinnert mich an Kunst.

Mit der Zeit beginne ich zu verstehen, dass es eine wirklich klare Abgrenzung zwischen Kunst und Design hier nicht gibt. Durch einen Freund werde ich eingeladen, einen Vortrag für professionelle Designer am VIJE - college for visual communication in Teheran zu halten. Ich freue mich und will unter anderem das Thema Kunst/Design ansprechen. Auch die Diskussion nach dem Vortrag zeigt, dass beides gerne verwechselt wird. Viele junge talentierte und aufgeschlossene Designer sind anwesend. Ich bin überrascht.

In den folgenden Wochen sehe ich immer wieder spannende Poster und beflügelnde Buchlayouts. In puncto Corporate Design fehlt jedoch Strategie. Es lässt sich größtenteils weder systematische Logoarbeit noch konstante CD-Implementierung finden.

Wunderbare Muster, tolle kalligraphische Einflüsse, inspirierende mythologische Stoffe, jedoch oft Mangel an Konzept. So erlebe ich nach einiger Zeit im Land iranisches Grafik Design – mit einem Hang zum Verspielten, aus der Tiefe der kulturellen Traditionen schöpfend und von einer Liebe für aussagestarke Experimente geprägt.

Nach 1-2 Monaten erhalte ich durch Freunde meine ersten Projekte: eine Broschüre, ein paar Button-Designs und zwei Anzeigen. Ich öffne Illustrator – Textedit – Copy – Paste – et voila ... Aber auch nur fast. Der Textrahmen zeigt eine riesige Sammlung von Rechtecken. Hm ... ach ja, da war doch was ... arabische Schrift. Wie war das noch mal mit Unicode etc.? In Textedit sieht alles gut aus. Ein Freund weist mich darauf hin, dass ich Illustrator Middle-East brauche, das um ein „Von-rechts-nach-links-Schreib-Texttool“ reicher ist. Ein paar Installationen später kann ich beginnen. Trotz Sprachkurs an der Universität Teheran fällt Satzarbeit schwer. Situationen wie: Wo kann ich trennen ... ach, ich muss von rechts nach links markieren ... warum bewegen sich diese verdammten Pfeiltasten immer in die entgegengesetzte Richtung ... oder oh, stimmt das Cover muss auf die Rückseite ... gehören zum Alltag.

In den nächsten Monaten machen mir das ultra langsame Internet, das ständig zusammenbrechende Mobilfunknetz und die häufigen Stromausfälle die Arbeit schwer. Als ich Reza Abedini, einen bekannten iranischen Designer, kennenlerne und darauf anspreche, erwidert er nur gelassen: „This is Iran – expect the unexpected.“ Weiter frage ich ihn, wie es denn eigentlich mit Copyright hier sei. „Copyright?“ erwidert er lächelnd, „Im Iran kann der Autor eines Buches froh sein, wenn er bei der Neuauflage seines Buches benachrichtigt wird.“ Für Designer gilt Anarchie.

Ich verlasse sein nach Räucherstäbchen und Zigaretten riechendes Office, das voll von westlichen Designbüchern und östlichen Inspirationsquellen ist und mache mich auf den Weg neue Eindrücke zu sammeln. Davon scheint es im Land von Hafez und Co unendlich viel zu geben. Nichts ist perfekt und kalkulierbar– das macht das Leben hier spannend.